Der Traum eines Idealisten in der Realität

Es sind heutzutage viele Menschen so von der Größe unserer Zeit erfüllt, dass sie meinen, die täglich von uns gemachten Fortschritte und Erfindungen stellten die begabte weisse Rasse hoch über alle anderen. Diesen vielen wäre es dienlich, sich einmal die Entwicklung des Eskimovolkes gründlich klarzumachen und sich die Geräte und Erfindungen anzusehen, die dieses Volk geschaffen hat, um sich in einer so kargen, feindlichen Natur seinen Lebensunterhalt zu verdienen.“ 

Fridtjof Nansen (1861-1930)

Träumen

Immer wenn ich meine Augen schließe, sehe ich Ostgrönland vor mir. Seit sieben Jahren. Ich denke an diesen Sommer- an die stornierten Flüge nach Kulusuk aufgrund von Polarnebel, an das viele Eis und den Schnee. Im Juni herrschen einfach noch winterliche Bedingungen- wer nach Grönland möchte, sollte flexibel sein und sich den Gegebenheiten anpassen. Eine Woche vor unserer Ankunft kam das Versorgungsschiff der Royal Arctic Line nach 8 Monaten aus Dänemark und füllte die Supermärkte in Tasiilaq, die größte Ortschaft Ostgrönlands, auf. Zwischen Oktober und Anfang Juni ist Tunu, „die Rückseite Grönlands“, für Schiffe aufgrund des Packeises nicht zugänglich. Noch nicht. Ich denke an das Blut, dass von der oberen Veranda durch den Holzboden auf die Veranda von Freunden getropft ist. Ich stand am Hauseingang und habe zugeschaut, wie sich die Blutlache der ausgenommenen Robbe auf dem nassen Boden ausgebreitet hat und über die Tage einen dunklen Fleck hinterlassen hat. Daneben wurde frische Wäsche auf eine Leine gespannt.

Noch nie hat mich ein Land so fasziniert und eine tiefe Demut und Dankbarkeit in mir ausgelöst. In Ostgrönland, wo die Natur die Regeln bestimmt und die Menschen dieser Region erst vor 130 Jahren entdeckt wurden. Sie dachten wirklich, sie seien die letzten Menschen auf dieser Erde. Es sind die Berge, die Gletscher, das unendlich weite Inlandeis, die Eisberge und die Geschichten der Kultur, die mich so sehr in den Bann ziehen. Es ist die Erkundung einer so verletzbaren Region. Wie auch bei den Gletschern der Alpen ist der voranschreitende Klimwandel hautnah zu beobachten.

Realität

Als Idealist möchte man gerne einen Sinn hinter den Dingen sehen, die man tut. Man möchte eine Zukunft kreativ gestalten können. Sich selbst ausdrücken können.

Zukunft- dieses Wort wird auf Grönland kaum gebraucht, man lebt im Hier und Jetzt. Natürlich kann man es nicht mit unserer schnelllebigen Welt oder mit unserer westlich geprägten Gesellschaft vergleichen. Aber man kann davon lernen und sich einiges zu Herzen nehmen.Vielleicht sogar zwischen den Welten leben. Die Inuit haben mich einiges gelernt- vor allem Geduld. Die Natur hat mich einiges gelehrt: Wachsamkeit und Achtsamkeit. Lebe mit ihr, unterschätze sie nicht. Habe Respekt.

Ich schweife ab und beginne wieder, an die gewaltige Natur und an die Bewohner dieser wunderbaren Insel zu denken. An manche Menschen, die ich sehr ins Herz geschlossen habe und auf der anderen Seite auch nie verstehen werde. Das Volk dort oben ist zum Teil sehr zerrissen. Das Ganze hat mit Modernisierungsmaßnahmen in den 1960er Jahren durch Dänemark begonnen. Es hat Gutes und Schlechtes mitgebracht. Wie immer, sobald der Mensch in eine andere Kultur eingreift. Die Männer auf Ostgrönland können nicht mehr den alten Traditionen nachgehen, sie sind traurig und fühlen sich unnütz. Der mitgebrachte Alkohol macht die Situation nicht besser. Das Gefühl von Wertlosigkeit und Arbeitslosigkeit führen zu Selbstmorden. Kürzlich hat sich wieder ein junges Mädchen, keine 20 Jahre, umgebracht- das ist keine Seltenheit und stimmt mich traurig. Keiner weiss wieso sie das gemacht hat- ihre beste Freundin ist verzweifelt. Viele von ihnen sind auf Facebook angemeldet und haben hunderte von „Freunden“. Sie versuchen, in der „perfekten oberflächlichen Welt“ mitzuhalten und verhalten sich oft naiv. Aber weil sie so isoliert leben, haben sie keinen Einblick in unsere „Realität“. Manche kennen ja nicht einmal ihre eigene Hauptstadt Nuuk. Sie denken, wir haben alles, vielleicht stimmt das in einer gewissen Art und Weise. Dabei macht Besitz ganz schön abhängig.

Ironischerweise sind wir es, die sich oft danach sehnen, dem Trott zu entfliehen, um das „Leben“ wieder richtig spüren zu können.

Manche Grönländer wünschen sich ihr altes Leben zurück, denn früher herrschte noch Frieden und man konnte aufs Meer rausfahren, fischen und auf die Jagd gehen. Teilen.

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Idealismus

Meine Leidenschaft für die Arktis werde ich nach wie vor weiter ausbauen und nicht aufgeben- ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, meine Begeisterung für die schönen und zugleich sensiblen Regionen dieser Welt zu teilen.  Und das ist erst ein kleiner Anfang. Für eines bin ich sehr dankbar- Lebenserfahrung.

Wenn wir als neugierige und offene Menschen nicht unserem Herzen folgen und nichts riskieren, dann würden wir es womöglich bereuen. Auch wenn Sicherheit und Stabilität eine große Rolle spielen. Aber gibt es denn überhaupt Sicherheit? Viele von uns meinen, sich diese „erkaufen“ zu können oder das Leben durch sämtliche Absicherungen künstlich zu verlängern. Aber wahrscheinlich ist es das Gefühl, was uns beruhigt.

Wir sollten dazu stehen, wer und was wir sind und wie wir unser Leben vorstellen. Es ist so kostbar, es ist so kurz und kann sich schlagartig ändern. Wir definieren uns nach Außen so oft über das Materielle, aber letztlich sind es doch die Erinnerungen, die schönen Momente, die tollen Erlebnisse mit lieben Menschen, von denen wir zehren. Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen. Wir sollten lernen, mit der Natur besser umzugehen, mit dieser zu leben und wieder auf unser Inneres, unsere Intuition zu hören. Die Einflüsse und Reizüberflutungen aus der digitalen und schnelllebigen Welt lenken uns viel zu sehr vom Wesentlichen ab: Der Einfachheit. Wir sollten anfangen, die Erde, die Natur zu respektieren und nicht noch mehr Müll und Dreck produzieren. Wir sollten aufhören, weiterhin egoistisch zu handeln und nur an uns selbst zu denken. Die Ellenbogenmentalität werde ich wohl nie verstehen.

Idealismus, Traum und Realität

Wir alle sind Idealisten, die Träume haben und sich wünschen, dass diese Realität werden. Egal in welchen Lebensbereichen.

Es ist allerdings die Angst vor dem Unbekannten, die uns daran hindert, einen Weg einzuschlagen, der nicht „einfach“ ist. Denn unsere Gesellschaft akzeptiert und respektiert ein Scheitern nicht- im Gegenteil, man wird eher verurteilt. Aber wer gibt denn vor, was richtig und was falsch ist? Leider ist es so, dass auch die Wahrheit keiner hören möchte- sie kann unbequem sein wenn man anfängt, bestimmte Dinge zu hinterfragen. Und was ist Normalität? Dabei wünschen wir uns doch alle das Gleiche: Anerkennung, Wertschätzung, Respekt und Liebe. Immerhin leben wir alle unter einem Dach.

Erfolg kommt meiner Meinung nach nicht über Nacht. Man muss mutig sein, etwas zu riskieren, einen langen Atem und Willensstärke besitzen. Und bei Rückschlägen immer wieder aufstehen können. Das ist der Grund, warum viele von uns sich nicht trauen- Niederlagen und Ablehnung wünscht sich niemand. Aber gerade Anstrengungen durchzustehen macht stark. Und sich dabei selbst treu bleiben.

Viele von uns haben Angst vor dem Scheitern. Aber ist denn ein Weg, den man einzuschlagen versucht und der eventuell mit einigen Hindernissen verbunden ist, gleich eine Niederlage? Hat man versagt, wenn man nicht sofort ans Ziel gelangt? Nein, man hat es versucht.

„Es ist die Sehnsucht nach dem Gefühl von Präsenz, das wir in uns tragen. Diese Sehnsucht gilt es zu stillen- in uns.“

Norway

4 Gedanken zu “Der Traum eines Idealisten in der Realität

  1. Sehr schön geschrieben – kann man doch die Hoffnung der jungen Autorin schon erkennen. Da ist schon ganz viel Lebensweisheit. Bitte diesen Weg unbedingt weitergehen , auch wenn er mühsam ist. Am Ende wird er sich gelohnt haben und die innere Zufriedenheit wird sich einstellen. Das sagt eine, die es genauso gemacht hat und heute sehr zufrieden ist.

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