Ich liebe den hohen Norden. Ich liebe die Arktis, speziell Grönland. Seit 2011 bin ich dort unterwegs. Im Jahr 2013 habe ich mit dem Guiden begonnen und bin oft in Norwegen, Finnland, Spitzbergen, Island und besonders in Grönland unterwegs. Die größte Insel der Welt lässt mich niemals los. Es ist wohl wie mit der großen Liebe- kein Tag vergeht, an welchem ich nicht an das Eis, die Menschen, die wilde Natur und an all die Erlebnisse denke. Es wird immer ein Teil von mir sein und das ist auch gut so- denn all die Jahre haben mich sehr geprägt.
Ich liebe das Guiden, meinen Job. Es machte mir immer Spaß, Menschen kennenzulernen und meine Begeisterung, mein Wissen und meine Leidenschaft für die Arktis weiterzugeben. Über das Land, das Eis und über die indigene Kultur in Grönland zu sprechen. Geschichten von den großen Polarforschern und Entdeckern zu erzählen. Knud Rasmussen, Fridtjof Nansen, Roald Amundsen und so viele mehr. Für mich zum Teil große Figuren, die unglaublich viel auf sich genommen haben. Sie haben sich gequält, oft jahrelang, immer mit dem Wissen, dass sie auf solchen Expeditionen sterben könnten. Damals, um Neues zu entdecken und vielleicht sogar, um als Held zurückzukehren. Aber das sind andere Geschichten. Und zum Teil sind auch diese wahnsinnig.
Meine Reisen liefen zumeist gut, noch heute stehe ich mit einigen Gästen in Kontakt. Hin und wieder hat man ein paar Ausreißer in der Gruppe, aber das ist normal und auch der Umgang mit solchen Situationen wird irgendwann „Routine“.
Es gibt aber auch Erfahrungen, die ich lange mit mir selbst ausgemacht habe, aus Angst, verurteilt zu werden, aus Angst, keine Aufträge mehr zu bekommen, aus Angst vor Shitstorm und so weiter. Nun möchte ich ein paar Geschichten teilen- in der Hoffnung, Bewusstsein zu stärken. Und um zu zeigen, dass ich mit meinen Erlebnissen bestimmt nicht alleine bin.
„What happens on a ship, stays on a ship“
Im Jahr 2018 hatte ich die Möglichkeit auf einem größeren Schiff mit ca. 100 Passagieren nach Westgrönland zu gehen. Ich mag es nicht besonders auf Schiffen zu arbeiten. Aber nachdem ich Ostgrönland bereits sehr gut kannte, wollte ich die Westküste erleben und kennenlernen. Von einem Veranstalter waren ca. 20 Plätze gechartert und für diese Teilnehmer hatte ich die Verantwortung. An Bord habe ich schon gemerkt, dass ich von einigen aus der Crew gemustert wurde. Es gab auch Crewparties zusammen mit den Guides. Ich habe mich immer rausgehalten und den Rückzug angetreten, wollte professionell bleiben und einfach meinen Job machen. Täglich hat Abends mein Telefon geklingelt und einer der Zodiacfahrer fragte „can I come to your cabin? Can I share your bed with you?“ Selbstverständlich habe ich das ignoriert aber mich nicht mehr wohl gefühlt. Er beobachtete mich die ganze Zeit und einmal, als ich Nachts an Deck ging, meinte er, wie leicht es ist, dass hier auf offener See Menschen verschwinden. Das war das letzte Mal, dass ich alleine Draußen war.
Da gab es aber noch einen anderen Vorfall. Ich hatte unter anderem eine sehr nette Familie unter meinen Teilnehmern. Zwei Eltern Ende 40 mit einem jugendlichen Sohn. Ich fand alle drei sympathisch und saß öfters an ihrem Tisch zu Abend. Eines Morgens klopfte es an meiner Kabinentür. Es war der Vater. Er hatte einen Bademantel an und meinte, er hätte jetzt Zeit für einen „Early Bird Quicky“.
Schockstarre.
Ich rief bei meinem Veranstalter an, sobald ich Netz in der Hauptstadt Nuuk hatte. Der Veranstalter meinte aber, ich soll so tun, als ob nichts passiert wäre und weiterhin freundlich bleiben. Meinen Job machen. So tat ich es und wurde die ganze Zeit von dem Vater beobachtet. Ich fühlte mich allein gelassen. Für diesen Veranstalter habe ich nie wieder gearbeitet.
Während meiner Zeit auf der MOSAiC Expedition im Jahr 2020 habe ich das Gegenteil erlebt. Wir hatten eine Mission, wir waren eine Familie, wir haben Freundschaften geschlossen. Ich war auf drei Schiffen: Maria S. Merian, FS Polarstern und Akademik Tryoshnikov. Gewiss waren hier und da ein paar Grummler dabei und besonders als Frau musste man sich erstmal beweisen. Aber der Respekt war da und vor allem das Arbeiten auf Augenhöhe. Diese Zeit werde ich niemals in meinem Leben vergessen und ich bin dankbar für alles, was ich erlebt und gelernt habe. Noch heute denke ich an die „Emergency Übung“. Ein paar Teammitglieder und ich wurden ausgewählt, um Wissenschaftler von der Eisscholle zu bergen. Mit Schneemobil und weiter zu Fuß. So schnell bin ich noch nie in meinem Leben gerannt. Wir haben es ernst genommen und das hat wohl jeder gemerkt. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei Kapitän Thomas Wunderlich für alles bedanken.
Auch auf der Maria S. Merian und der Akademik Tryoshnikov lief es relativ normal ab. Die Besatzungsmitglieder von der Merian sind noch heute in meinem Herzen und haben uns die Zeit sehr leicht gemacht. An Bord der Tryoshnikov hatten die Russen zwar ihre klaren Regeln. Keinen Augenkontakt mit der Besatzung, wenig Sprechen, keine Besuche auf der Brücke. Aber das hat man zu akzeptieren.
Machtmissbrauch in der Abgeschiedenheit
In Ostgrönland unternahm ich mit meinen Gästen überwiegend Trekkingtouren. Wir hatten einen festen Standort oder schliefen in Zelten. Vor Ort sind wir Guides abhängig von einer Art Agentur, die uns Boote und Gewehre zur Verfügung stellen. Wir arbeiten auch oft mit den Grönländern zusammen, was die Reise noch intensiver gestaltet. Es ist gut, wenn die Grönländer Arbeit haben.
Da gibt es allerdings eine Sache, die vorgefallen ist. Derjenige, dem die Boote gehören und auch die Gewehre, wollte mit mir Duschen gehen. Er ist mehr als doppelt so alt wie ich. Nachdem ich höflich abgelehnt habe, wurde mir das Boot und das Gewehr für den nächsten Tag verwehrt. Ich musste mir eine Wanderung überlegen, die in der Nähe des Ortes möglich war. Denn Eisbären wollte ich nicht begegnen.
Machtmissbrauch in der Abgeschiedenheit fühlt sich schrecklich an. Man ist ausgeliefert und kann aus der Situation nicht fliehen. Es ist noch nicht allzu lange her, da habe ich auf einem kleinen Schiff gearbeitet. Ich war verantwortlich für das tägliche Schiffstagebuch, für die Zodiacfahrten, für Landgänge inklusive Wanderungen und für Vorträge an Bord. Solche exklusiven Reisen kosten tatsächlich bis zu 10.000 Euro. Die Gäste haben entsprechend eine hohe Erwartung und solche Art von Trips sind nicht zu vergleichen mit den Trekkingtouren.
Nur, wenn es Stress mit der Besatzung gibt und der Kapitän seine Fürsorgepflicht nicht einhält, dann wird es unangenehm. Mir wurde eine einzelne Kabine nach der ersten Tour an der Westküste von Grönland versprochen. Diese habe ich nie bekommen. Entsprechend hatte ich auf dem kleinen Schiff keine Privatsphäre und musste mir das Zimmerchen mit einer durchgedrehten Persönlichkeit teilen. Unangenehm. Der Kapitän hat mich und auch seine eigenen Leute täglich gedemütigt und seine Macht missbraucht. Er war selbst noch nie in Grönland aber wusste alles besser, was die Wanderungen betrifft. Normalerweise entscheidet es der Guide, wo man mit den Leuten an Land geht. Oder zumindest zusammen. Es war täglich eine neue Überraschung geboten und das Wort wurde mir im Mund umgedreht. Nachdem ein männlicher Gast empört war, dass ich nicht mit ihm in die Sauna an Bord gehe und mich auch nicht für Sex in seiner Kabine bereit erklärt habe, wurde ich wieder allein gelassen. Das ist gottseidank einen Tag vor der Abreise und vor der Ankunft der nächsten Gruppe passiert.
Während des zweiten Trips entlang der Westküste sind wir viel auf offenem Meer gefahren. Ich wurde seekrank und habe mich noch nie in meinem Leben so viel übergeben müssen. Von da an habe ich täglich „Seasickness-Pills“ eingenommen. Einmal lag ich eine ganze Nacht durch im Eck vor der einzigen Toilette der Crew-Mitglieder. Ich wurde behandelt wie Dreck. Trotzdem tat ich vor den Gästen immer so, als ob intern alles in Ordnung ist. Am nächsten Tag fuhren wir Zodiac, ich wanderte auch für mich durch unbekanntes Terrain. Zögerte es so lange hinaus, bloß, um nicht früh genug zurück zu sein. Der Kapitän fragte mich nie nach den Wanderungen. Dies sollte eigentlich in seinem Interesse auch für weitere Touren sein. Von einem Tag auf den anderen durfte eines seiner Besatzungsmitglieder nicht mehr mit mir und den Gästen an Land. Wir verstanden uns wohl zu gut und auch die Teilnehmer freuten sich über die lustige Stimmung. Er war meine Bezugsperson und ohne ihn hätte ich das nicht so überstanden. Auch das sollte vorbei sein.
Für die Polartaufe der Gäste wurde ich gebeten, Aquarellbilder für jeden einzelnen zu malen. Dabei handelt es sich um eine Art Urkunde, die die Gäste nach Überschreiten des nördlichen Polarkreises erhalten. Ich meinte, dass ich kaum Zeit habe, durch all die anderen Arbeiten. Und trotzdem habe ich begonnen zu malen. Und zu malen. Bis der Herr beschlossen hat, diese doch nicht mehr zu gebrauchen. Ich könnte die Bilder selbst behalten oder wegwerfen. Ich habe mich gedemütigt und vorgeführt gefühlt.
Ich konnte nicht mehr atmen. Diese Kontrolle, der Mangel an Privatsphäre, die Psychospiele, die Seekrankheit. Gleichzeitig, immer vor den Gästen professionell zu bleiben. Sie können nichts dafür und haben sich einen Traum erfüllt. Das hat mich aufgefressen. Ich konnte Grönland nicht mehr leiden, obwohl Grönland nichts dafür kann. Ich habe vor allem die Ostküste vermisst. Ich wollte nach Hause. Aber ich konnte nicht. Ich war Gefangene der Situation und ich musste durchhalten. Ich habe Angefangen, Stunden zu zählen und nicht mehr die Tage.
Als ich in einem ruhigen Fjord die Jogamatte nahm und einfach mal tief durchatmen wollte. Drei Minuten Pause und nur für mich etwas Privatsphäre…da wurde ich vom Kapitän angeschrien. Warum ich hier faul rumsitze und nicht nach Eisbären Ausschau halte. Die Situation war völlig absurd, da wir in einem Gebiet waren, wo es so unwahrscheinlich war, Eisbären zu begegenen. Und wir auch nicht an Land gegangen sind. Dieser Eingriff in meinen persönlichen Raum nach vier Wochen Aufenthalt hat mich innerlich gebrochen.
(Macht-)Missbrauch beginnt für mich nicht erst da, wo dieser körperlich wird. Er beginnt dort, wo der Mensch in einer Abhängigkeitssituation ausgenutzt und die Seele bewusst belastet wird.
Nachdem ich Zuhause war, wollte ich mich mit niemandem mehr treffen. Ich wollte meine Wohnung nicht verlassen und habe das Alleinsein und die Ruhe eingesaugt. Ich war in meinem Nest und habe mich sicher gefühlt. Ich glaube, ich war noch nie so müde. Dann kam die Frustration, dass ich es auf keinen Berg mehr geschafft habe und mich für jede Tour geplagt habe. Obwohl ich konditionell ziemlich fit bin. Lange hat es gedauert, bis ich wieder auf dem heutigen Niveau war.
Vertrauen und Selbstvertrauen
Es sind für mich die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen. Ich liebe es, neue Charaktere kennenzulernen, mich auszutauschen und all die Geschichten von anderen „Leben“ zu hören. Ich bin unglaublich dankbar für all die Menschen, die mich weitergebracht haben und mich auf meinem Weg begleiten. Tatsächlich überwiegt das Positive. An dieser Stelle möchte ich auch nochmal betonen, wie dankbar und stolz ich bezüglich meines letzten Grönland-Aufenthaltes bin. Wir waren ein Team und haben aufeinander aufgepasst. Auch wenn ich die einzige Frau unter 12 Männern war. Okay, auf das Eimerklo hätte ich gerne verzichtet, aber auch damit lernt „Frau“ umzugehen.
Die wenigen negativen Erlebnisse haben sich leider auch eingebrannt und ein paar Spuren hinterlassen. Und diese hier Geschichten sind nur ein paar von vielen Weiteren.
Ich habe lange an mir selbst gezweifelt und frage mich, wieso ich als Frau in solche Situationen komme. Weil ich offen und freundlich bin und meinen Job richtig machen möchte? Wie kann Freundlichkeit falsch verstanden werden?
Der Unterschied zwischen Komplimenten und sexuellen Übergriffen
Wir alle freuen uns über Komplimente. Auch ich freue mich, wenn ich als starke und authentische Frau bezeichnet werde oder ein Lächeln bekomme. Und auch ich gebe sehr gerne Komplimente weiter. Leider passiert das heutzutage zu wenig. Womöglich, weil vieles falsch aufgefasst wird aber bestimmt auch, weil manche Männer Angst haben, übergriffig zu wirken. Nur gibt es einen Unterschied zwischen Schäkereien und sexuellen Übergriffen. Wenn ich in einer Situation ausgenutzt werde und Macht missbraucht wird, dann ist das nicht in Ordnung. Wenn ein Mann beleidigt ist, weil ich nicht mit ihm das Zelt teile, mit in die Dusche gehe oder auf seine Kabine, dann ist das übergriffig. Wenn ich angefasst werde, obwohl ich das nicht möchte, dann ist das übergriffig und nicht meine Prüdheit, wie es so oft heißt.
Bewusstsein stärken
Es geht hier nicht um einen Hilfeschrei meinerseits. Im Gegenteil, ich möchte das Bewusststein aufgrund eigener Erfahrungen für bestimmte Situationen stärken. Und dass es okay sein sollte, nicht zu Schlucken, sondern für sich selbst einzustehen. Denn wenn wir schweigen, dann bleibt das System so wie es ist.

