Das Schicksal eines Wassermoleküls

„Es grenzt schon fast an ein Wunder oder gar Zufall, wie das Leben auf der Erde entstanden ist. Wäre der Planet vor drei oder zwei Milliarden Jahren an einer der Sonne abgewandten Seite nicht abgekühlt, dann hätte es mich, ein Wassermolekül, wahrscheinlich niemals gegeben.

Über Jahrmillionen muss ich wohl im antarktischen Schelfeis geschlummert haben. Ich war jedoch nicht alleine. Mein schwerer Sauerstoffkopf wurde über meine zwei leichten Wasserstoffarme mit den zwei nächstliegenden Köpfen meiner Artgenossen eingespannt. Eng war es und ich habe mich ziemlich unbeweglich gefühlt. Vor allem, weil umgekehrt meine beiden Wasserstoffärmchen als Stützen für die Köpfe zweier weiterer Artgenossen dienten. Gemeinsam formten wir hübsche Eisgerüste von unterschiedlichsten Strukturen und kunstvollen Architekturen.

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Irgendwann wachte ich durch ein lautes Krachen auf und wurde plötzlich aus meiner gewohnten Umgebung gerissen. Als der Gletscher ins Meer kalbte, kam es zu einem großen Abriss. Es hat etwas gedauert, bis ich realisiert habe, dass ein im Polarmeer schwimmender Eisberg geboren wurde. Mit diesem Gigant begann meine große Reise und ich ließ mich mit der Meeresströmung gen Norden treiben. Ich war aufgeregt und wusste nicht, was auf mich zukommt. Schließlich war es eine Reise ins Ungewisse. Irgendwann spürte ich eine erneute Veränderung- der Griff meiner Nachbarn wurde immer lockerer, bis ich schließlich ganz den Halt verlor. Mir wurde schwindelig, meine Kumpels entfernten und näherten sich mir gleichzeitig bis ich schlussendlich davon floss. Wieder musste ich loslassen und wurde Teil des großen Meeres. Schnell habe ich neue Bekanntschaften geschlossen und tanzte mit meinen Freunden unbeschwert, ohne Ziel und oftmals ziemlich übermütig umher. Während dieser Zeit fühlte ich mich wohl, ließ mich treiben und lebte im hier und jetzt.

Eisberge

Auf einmal jedoch rutschte ich in einen rosaroten Schlund und betrachtete irritiert an mir vorbeiziehende Höhlenstrukturen. Ich knallte gegen weiche Wände und stellte fest, dass ich im Inneren eines Krills geraten war. Der Name dieses Kleinkrebses stammt aus dem Norwegischen und bedeutet so viel wie „was der Wal frisst“. Ihr gesamtes Dasein schwimmen die kleinen Tierchen um ihr Leben, denn auch zahlreiche Robben- , Fisch- und Vogelarten sind von Ihnen abhängig. Wenn die Wirbellosen vor Fressfeinden fliehen, legen Sie sogar 0,6 Meter pro Sekunde zurück- angesichts der geringen Größe der Krebse eine beachtliche Geschwindigkeit. Um vor einem hungrigen Wal zu fliehen, sind sie leider wohl doch nicht schnell genug. 30 Meter große Wale schwimmen bei der Nahrungsaufnahme bis zu 1,8 Meter pro Sekunde und die Mundhöhle eines Blauwals ist gut 6 Meter lang…

Wal

Ich habe den Tag kommen sehen, als ein lautes Knirschen einsetzte. Mein Wirt wurde geschluckt, zermalmt und ich landete im Inneren eines Narwals. Dort wurde ich  zum Arbeiten verdonnert und wuselte im Verdauungstrakt zwischen Versorgungs- und Entsorgungskanäle umher. Meine Kollegen erzählten mir, dass der Narwal aufgrund seines linken Stoßzahns auch Einhornwal genannt wird. Der lange überentwickelte Eckzahn sieht aus wie ein Dolch und ist vermutlich ein Sinnesorgan, über das chemische Informationen, wie zum Beispiel der Salzgehalt des Meerwassers an das Gehirn gesendet werden.

Ich hatte irgendwann genug davon und konnte wieder ins Meer flüchten. Schnell habe ich mich wieder an das unbeschwerte Tanzen gewöhnt, bis ich unerwartet von warmen Sonnenstrahlen verdampft wurde. Der Wind trug mich fort und dieses Gefühl von Leichtigkeit werde ich wohl nie vergessen. Ich gelangte in ein Gebirge namens Alpen, wo ich als Schneeflocke auf einen weichen Untergrund fiel. Mir wurde kalt, meine Bewegungen erlahmten und ich begriff, dass ich mit meinen Reisegefährten zu Eis erstarrte.

Nun bin ich hier und lasse alle meine Erlebnisse revue passieren. In dieser doch so misslichen Lage spendet mir wenigstens ein Gedanke Trost: als Wassermolekül muss ich keine Angst vor dem Sterben haben, den molekularen Tod gibt es nicht. Es gibt nur den Wandel und wie ich gehört habe, sollen die Gletscher in absehbarer Zeit schmelzen. Wie geht dann meine Geschichte weiter? Werde ich mit einem Gletscherbach davongespült und schlussendlich über einen großen Fluss wieder ins Meer befördert? Oder werde ich in der Zwischenzeit verdunstet? Wohin trägt mich dann der Wind, lande ich vielleicht auf dem Erdboden und werde über Wurzeln in ein Blatt geschleust? Und werde ich jemals wieder die polaren Regionen sehen? Ich habe keine Kontrolle und diese Ungewissheit stimmt mich oftmals nachdenklich. Auf der anderen Seite bin ich schon sehr gespannt und neugierig, denn der Kreislauf ist die Quintessenz meines Wasserdaseins.

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Ich habe gelernt, dass eines meiner großen Abenteuer im Leben wahrscheinlich darin besteht, eine Bedeutung angesichts meiner offenkundigen Bedeutungslosigkeit zu erkennen. Es fordert mich, es treibt mich an, immer  und immer wieder. Ich musste oft loslassen aber habe dabei auch gelernt, dass ich nur so gehalten werden kann. Durch die Veränderungen während meiner Reise habe ich Neues gelernt. Ich bin ein Wassermolekül, eines von vielen. Das ist nur meine Geschichte, ein kleiner Ausschnitt aus einer Biographie. Und dennoch: ohne mich und das Schicksal meiner Kameraden gäbe es kein Leben. Ich bin hier, bemerkt oder unbemerkt, überall.“

 

4 Gedanken zu “Das Schicksal eines Wassermoleküls

  1. Hi Laura, wenn der Text von Dir ist dann meinen Respekt. Das liest sich super. Ich denke, das wäre sogar eine Geschichte für ein Kinderbuch. Leicht flockig gut zu lesen und lustig. Mach weiter so

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