Eisfrei- Abschied vom Vernagtferner

Es überfordert den Menschen, im Sinne einer Zukunft zu handeln, die er nicht mehr erleben wird.                              (Ilija Trojanow, EisTau)

Ein Glaziologe aus Überzeugung

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© Toby Binder photography 2015

Ludwig Braun, ehemaliger Leiter der Kommission für Glaziologie hat seine Leidenschaft zum Berufgemacht. 1951 in der Schweiz geboren, studierte er Naturwissenschaften an der ETH Zürich sowie an der University of British Columbia in Vancouver, Kanada. Seine Doktorarbeit verfasste er an der ETH über Schmelzwasserabfluss von Gletschern in den Alpen. 1994 begann er, im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften den Vernagtferner zu untersuchen. Noch heute führt er Interessierte in den Sommer-monaten zum Vernagtferner und der Pegelstation Vernagtfach. Im Rahmen eines Praktikums habe ich Ludwig vor acht Jahren kennengelernt und durfte als „Gletschermagd“ bei Messungen am Vernagtferner mithelfen. Von ihm habe ich viel gelernt und es freut mich, über Ludwig und seine Arbeit berichten zu dürfen.

 

Ein letztes Aufbäumen der Gletscher

Der Vernagtferner befindet sich nördlich oberhalb des Rofentals, eine Verlängerung des Venter Tals in den Ötztaler Alpen in Tirol. Westlich des Gletschers liegt die Wildspitze (3768), Tirols höchster Berg. Allein in den letzten drei Jahrzehnten hat der Gletscher ein Drittel seiner Fläche verloren. Als Braun 1994 zur Bayerischen Akademie der Wissenschaften nach München kam, glaubten die meisten Wissenschaftler noch, Gletscher kommen und gehen. Das Gegenteil ist der Fall: Als mit der Einführung von Katalysatoren und Emissionsschutz die Luft wieder besser wurde und sich damit die Transparenz der Atmosphäre für die Sonneneinstrahlung verbesserte, war klar, dass der Mensch den Gletschern lediglich eine kurze Verschnaufspause gegönnt hatte. Wie die meisten Alpengletscher, ist auch beim Vernagtferner in den 1960er-, 70er- und 80er Jahren ein Wachstum zu verzeichnen- er hat also von der Luftverschmutzung profitiert. Dieser Prozess begann Ende der 1950er Jahre und nennt man globale Verdunkelung (global dimming). Damals gelangten durch die Auto- und Fabrikabgase weniger Sonnenstrahlen auf die Erde. „Das war schlecht für die Wälder und die Menschen in den Industriegebieten, aber gut für die Gletscher“, sagt Braun.  Heute ist davon leider nichts mehr zu sehen. Im Winter ist das Wachstum des Eises fast zum Erliegen gekommen und jeder „gewachsene“ Meter wird im Sommer innerhalb weniger Wochen weggeschmolzen. Statt über Gletscherspalten steigt Ludwig heute über sprudelnde Schmelzwasserbäche.

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Deutlicher Rückgang des Vernagtferners. Man sieht unverkennbar die Endmoräne von 1986. Damals erreichte der Gletscher seine letzte Ausdehnung.

Die Folgen der steigenden Temperaturen

Wie den meisten von uns bekannt ist, ist zur natürlichen, zyklischen Erderwärmung auch noch ein menschengemachter Temperaturanstieg gekommen. Durch Autos und wachsender Industrie wird immer mehr CO² freigesetzt, hinzu kommt die Abholzung von Wäldern. Dieser verstärkte Treibhauseffekt führt dazu, dass die Erde sich in 100 Jahren so schnell erwärmt, wie sie es klimageschichtlich sonst in 10.000 Jahren tat. Wie bei allen anderen abschmelzenden Gletschern, hat auch auf dem Vernagtferner ein Teufelskreis eingesetzt, mit der Folge, dass das Eis noch schneller verschwindet. Die steigenden Temperaturen führen zur Kondensation von Wasser an der Gletscheroberfläche. Auf diese Weise wird zusätzliche Wärme produziert. Gleichzeitig werden die Zonen, in denen sich der Gletscher regeneriert immer kleiner- das Eis taut schneller ab.

Resignation eines Glaziologen

Ludwig erklärt: „Natürlich könnte man versuchen, die Gletscher zu retten, mit Climate Engineering, eine Vorgehensweise, indem man Aerosole in hohe Luftschichten ausbringt, damit diese Sonnenlicht filtern. Allerdings ist das eine ziemlich teure Angelegenheit und nicht ungefährlich, es bräuchte die Zusammenarbeit zahlreicher Länder über Jahrhunderte hinweg“. Braun und die Wissenschaftler der Kommission für Glaziologie konnten mit Messungen zeigen, dass Gletscherschmelzwasser nur einen sehr geringen Teil in den Flüssen rund um die Alpen ausmacht. Unsere Flüsse würden also nicht austrocknen. Zudem hätte das Verschwinden der Gletscher in Europa keine Lebensbedrohlichen Folgen für die Menschen. Höchstwahrscheinlich gibt es mehr Erdrutsche und Steinschläge und auch für die Tierwelt hätte das fehlende Eis Konsequenzen.

Wenn man das hier sieht, dann resigniert man.                     (Ludwig Braun)

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Ludwig Braun sitzt auf einem Gesteinsbrocken, ein „Mahnmal“, welches der Vernagtferner vor sich her schob. (Foto: Toby Binder)

Abschied von einem Freund

Jedes Jahr wird der Weg zum Fuße des Gletschers von der Pegelstation unterhalb der Vernagthütte ein bisschen länger. In ein paar Jahrzehnten wird der Vernagtferner vermutlich ganz verschwinden. „Es ist ein Trauerspiel und eigentlich habe ich mich vom Gletscher schon verabschiedet“, sagt Braun. Wenn man Ludwig kennt, weiß man, wie viel ihm seine Arbeit am Vernagtferner bedeutet, wie viel Energie er für seine Forschung investiert hat. Man könnte meinen, er spricht von einem guten alten Freund, der im Sterben liegt. Wahrscheinlich ist es so. Der Schweizer Glaziologe hat sein ganzes Berufsleben lang Gletscher vermessen und erforscht, am Längsten verbrachte er Zeit mit dem Vernagtferner. Ganz loslassen kann er ihn natürlich nicht. Daher verbringt er in den Sommermonaten seine Zeit am Fuße des Gletschers und leitet Exkursionen für Schulklassen und andere Interessierte.

 

 

 

 

 

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