Ostgrönland – Eine Reise zwischen Romantik und Realität

Ich sitze in der kleinen Propellermaschine von Reykjavik auf dem Weg nach Kulusuk, Ostgrönland. Emotionen brodeln in mir. 2011 war ich als Studentin im Rahmen einer geographischen Exkursion in dem Gebiet um Ammassalik, eine dem grönländischen Inlandeis vorgelagerte Insel, unterwegs. Sechs Jahre sind nun vergangen und ich kehre als Tour Guide für einen renommierten Reiseveranstalter nach Tasiilaq, der größte Ort an der stürmischen Ostküste, zurück. Eine stille Sehnsucht hat sich erfüllt.

Ostgrönland- dieser Teil der größten Insel der Welt ist geprägt von einer kalten Meeresströmung, die eine Menge Packeis mit sich führt und generell gebirgiger, wilder und ursprünglicher ist als der Westen. Dennoch nennen die Inuit ihre Heimat Grönland „Kalaallit Nunaat“- „das Land der Menschen“.  Dank Robert Peroni, ehemaliger Extrembergsportler und Leiter des Roten Hauses in Tasiilaq, habe ich meinen Weg wieder dorthin gefunden und mein Herz daran verloren.

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Ostgrönland- der vergessene Teil Grönlands

Einige Passagiere blättern in einer Zeitung, andere verbringen den Flug im Schlaf oder schauen aus dem Fenster. Nach zwei Stunden tauchen plötzlich bizarre Bergspitzen und Eisberge im Meer auf. Wir haben die Ostküste Grönlands erreicht. Noch bis vor ca. 130 Jahren lebte dort die Bevölkerung abgeschnitten von der Außenwelt, was die Region, ihre Sprache und die Kultur geprägt hat. Mittlerweile ist dieser für mich wohl einsamste Teil der Erde, welcher die meiste Zeit im Jahr von einem gewaltigen Packeisgürtel isoliert ist, von knapp 3000 Menschen bewohnt. Zum Vergleich: Insgesamt leben auf Grönland um die 56.000 Menschen.Versorgungsschiffe der „Arctic Royal Line“ können nur in der wärmeren Jahreshälfte vordringen.  Acht Monate müssen die Einwohner den Winter überstehen und trotzen der Kälte. Das erste Schiff erreicht die Ostküste im Juni, das Letzte füllt die wenigen Supermärkte der Kette „Pilersuisoq“ im Oktober auf. Der Pilot der Maschine macht sich zur Landung auf der 1.200 m langen Schotterpiste von Kulusuk bereit. Ursprünglich diente der im Jahre 1950 gebaute Flughafen dem militärischen Flugverkehr. Da es sich um keinen international anerkannten Flughafen handelt, müssen die Maschinen in Reykjavik gewartet werden. Nicht selten kommt es vor, dass Flugzeuge wegen zu starkem Wind nicht starten können oder wieder zurück nach Island fliegen müssen. Das Wetter ist stabil, die Sicht gut und ich bin erleichtert, als ich endlich grönländischen Boden unter meinen Füßen spüre. Das Gepäck wird von einem Mitarbeiter in einer Baggerschaufel vor dem Eingang des kleinen Flughafens gebracht und jeder Fluggast fischt sich die eigenen Reisetaschen selbst heraus. Eine interessante Vorgehensweise, die zeigt, wie einfach hier noch Dinge gehandhabt werden.

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Ammassalik- die Perle Ostgrönlands

Wie ich möchten die meisten der Fluggäste nach Tasiilaq, der größte Ort auf der Insel Ammassalik, 150 km südlich des Polarkreises. Lange Zeit glaubte man, dass das Gebiet um Ammassalik unbewohnt sei. Erst im Jahre 1884 entdeckte der Däne Gustav Holm bei seiner „Frauenbootexpedition“ die Bewohner dieser Gegend (damals zählte man ungefähr 400 Menschen). Ursache für diese jahrhundertelange Isolation waren starke Polarströme und dichtes Packeis, welches die Ostküste praktisch unzugänglich machte. Ammassalik, die größte Ortschaft Ostgrönlands, wurde 1894 von den Dänen gegründet. Ziel war es, den Gesundheitszustand der noch sehr wenig lebenden Ureinwohnern zu verbessern. Übersetzt bedeutet Ammassalik „der Platz mit den Lodden“. Dabei handelt es sich um eine Fischart, die der Bevölkerung in den Wintermonaten das Überleben sicherte. Später wurde der Ort in das heutige Tasiilaq (wie ein ruhiger See) umbenannt, nachdem ein Mann namens Ammassalik verstarb. Der Glaube der Inuit verbietet es nämlich, den Namen eines Toten auszusprechen.

Robert Peroni und das Rote Haus

Vom Flughafen Kulusuk geht es zu Fuß zu einer Anlagestelle. Dort warten schon Ole, Peter und Vigo, erfahrene Bootsfahrer und Mitarbeiter vom Roten Haus in Tasiilaq. Ich freue mich, als ich die drei orangefarbenen Motorboote und das bekannte Gesicht von Vigo sehe.                                                                                                                                              Es ist der Südtiroler Robert Peroni, wegen dem die meisten Touristen zum Roten Haus möchten, Ausgangspunkt vieler Expeditionen, Zelttrekkingtouren und Standortwanderungen. Für mich ist er eine Legende und eine unglaubliche Persönlichkeit. Robert kam im Jahre 1980 zum ersten Mal nach Grönland und durchquerte das Inlandeis an seiner breitesten Stelle. Weil ihn das Land und vor allem seine Menschen nicht mehr losließen, entschied er, dort zu bleiben und gründete das Rote Haus in Tasiilaq. Früher diente es den Einheimischen als Gemeinschaftszentrum, heute beherbergt es Touristen. Erinnerungen werden in mir geweckt, als wir im Boot von Kulusuk über das offene Polarmeer bis zum ca. 35 km entfernten Tasiilaq heizen. Ich bestaune die riesigen Eisberge, die vom Gletscher in die Fjorde gekalbt sind und ihren Weg bis aufs offene Meer gefunden haben. Was für ein majestätischer Anblick. Tasiilaq liegt am sehr ruhigen Kong-Oscar-Fjord, der über einen schmalen Zugang erreichbar ist. An Land angekommen, marschiere ich zum Roten Haus, wo ich von Robert herzlich empfangen werde. Ich bin neugierig und freudig, als er mir sagt, dass ich in seinem Privathaus untergebracht werde. Neben ihm wohnen dort auch Vigo und seine Frau sowie zwei andere Reiseleiter. Der Südtiroler zeigt mir sein Zimmer, das kleinste von allen. Nachdem ich nur eine Matratze, Bücher und Kleidungsstücke entdecke, wird mir zunehmend klar, wie unwichtig ihm materielle Dinge sind. „ Je weniger man besitzt, desto freier ist man“, erklärt er mir. Wie Recht er doch hat, und  gleichzeitig frage ich mich, ob das in unserer globalisierten Gesellschaft überhaupt noch möglich ist.

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Mein Leben in Tasiilaq

Ein paar Tage habe ich noch Zeit, um meine Gruppe zu empfangen und so bereite ich mich ausführlich auf das Tourenprogramm vor, laufe Wanderungen ab, tausche mich mit anderen Reiseleitern aus und übe den Umgang mit dem Gewehr. Ostgrönland ist das natürliche Verbreitungsgebiet von Eisbären und man sollte für jeden Fall gewappnet sein. Natürlich geht es nicht darum, das Tier zu töten. Allerdings sollte sich die Gruppe bei einer Begegnung richtig verhalten können. So ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass alle immer dicht zusammenbleiben, um im Falle des Falles eine Mauer bilden zu können. „Die roten Patronen sind Schrot und die weißen für den absoluten Notfall. Aber keine Sorge. Halte dich immer oberhalb der Küste auf und beobachte dein Umfeld“, hat  mir Robert erklärt. Letztlich dient das Gewehr, um den Eisbären bei unmittelbarer Nähe mit Warnschüssen in die Luft zu verjagen.

Ich habe kein Zeitgefühl mehr und lebe im Hier und jetzt.  Meine Basis ist das Rote Haus, wo ausschließlich Einheimische angestellt sind, deren finanzielle Existenz gesichert werden soll. Während der Hochsaison im Sommer ist das Haus voll von Gästen anderer Reisegruppen oder auch von Privatreisenden. Es ist eine Anlaufstelle vieler spannender Geschichten, wie zum Beispiel von drei jungen Norwegerinnen, die auf Skier ein Teil des Inlandeises durchqueren wollten.

Um mit Robert sprechen zu können, braucht es viel Geduld. Alle möchten Informationen von ihm und jeden Tag bespricht er mit den Tourguides und anderen Gästen die aktuelle Lage zu den Wanderungen, das Wetter und ob die Boote zu den Ausflugszielen starten können. Dahinter steckt eine enormes Wissen und eine perfekt abgestimmte Logistik, die ohne ihn und sein Team dort kaum möglich wäre.

Grönland- die Grenze am machbaren Tourismus

Die Erwartungen der Gäste sind verständlicherweise hoch. Immerhin ist der Flug nach Grönland sehr teuer und im Reiseprogramm wird einiges versprochen. Zudem kommen viele gestresst aus der Arbeit an und sind oft gesundheitlich angeschlagen. Da die Luft sehr trocken ist, müssen sich einige erst einmal akklimatisieren und generell viel trinken. In den kurzen Sommermonaten ist das Wetter grundsätzlich stabil und teils auch sehr warm, es kann aber auch plötzlich umschlagen und mal regnerisch werden. Hier sind Flexibilität und Gelassenheit gefragt. Wenn Vigo, Peter und Ole wegen hohen Wellengangs und schlechter Sicht nicht mit den Booten fahren können, dann ist es so und sollte akzeptiert werden. Wichtig ist, dass man sich voll und ganz auf das Land, seine Einwohner und die Witterungsbedingungen einstellt. Oder wie es die Inuit sagen: „Heute ist heute und morgen ist morgen“.

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Knud Rasmussen Glacier

Viele, die Grönland zum ersten Mal bereisen, sind aufgrund des vielen Mülls zu Recht schockiert. Es ist ein skurriler Anblick in dieser sonst so naturbelassenen Landschaft. Das Müllproblem existiert schon lange und leider wurde bisher keine Lösung gefunden. Mit dem Schiff nach Dänemark ist es zu teuer und auch die Hauptstadt Nuuk in Westgrönland hat dagegen noch nichts unternommen. Generell haben die Menschen in Westgrönland leider sehr wenig Interesse an den Menschen an der Ostküste. „Was sind denn auch schon knapp 3000 Einwohner…“

 

Eisberge, Wale und Perspektivlosigkeit

Neben den Wanderungen auf Ammassalik und den umliegenden Fjorden, gehören zum absoluten Highlight die Bootstouren zum Knud Rasmussen Gletscher, zum Inlandeis oder auch die Umrundung der Insel Ammassalik. Voraussetzung für dieses Erlebnis sind perfekte Witterungsbedingungen sowie ein ruhiger Seegang. Ich war erleichtert und wir hatten Glück, als Robert mir für den nächsten Tag das „go“ gegeben hat. In dieser Hinsicht ist man als Tourguide ziemlich angespannt, weil man seinen Gästen das beste Programm bieten möchte. Dies gilt auch für Robert und seine Leute, die davon leben und sich über die glücklichen Menschen nach einem besonderen Tag freuen.

Bei der Tour um die Insel Ammassalik kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, sobald man den Sermilikfjord erreicht. Gleich sieben Gletscher kalben vom Inlandeis in den riesigen Fjord- ein gigantischer Anblick begleitet von Gänsehautgefühl. Wir halten in der kleinen Siedlung Tinitequilaaq, kurz Tinit, und haben genügend Zeit, das Naturschauspiel zu beobachten. Einige Eisberge schimmern sogar bläulich, was daran liegt, dass durch die Bewegung und den Druck der Gletscher die Sauerstoffbläschen verschwinden.Sermilikfjord1

Auf dem weiteren Weg halten wir noch an alten Jagdsiedlungen, die hin und wieder von den Einheimischen genutzt werden. Als wir das offene Polarmeer erreichen, macht Peter plötzlich ein Zeichen. Wale! Und gleich eine ganze Gruppe! Auch Vigo hat sie entdeckt und die beiden „flitzen“ mit ihrem Boot auf die Fontänen zu. Unsere Jäger halten an, die Booten schaukeln auf dem Meer und meine Gruppe hält in jede Himmelsrichtung Ausschau. Plötzlich tauchen die beeindruckenden Tiere direkt neben uns auf und kurz herrscht absolute Stille. Dieses Naturschauspiel beim schönsten Abendlicht zu beobachten, gehört zu einem besonderen Erlebnis, auch für unsere Grönländer.

Abends berichtet Robert aus seinem Leben und seinen Erfahrungen mit den Inuit. Ursprünglich handelt es sich um ein Naturvolk, das an Geister und bestimmte Naturphänomene glaubte. Bis sie von den Missionaren christianisiert wurden. Auch in Tasiilaq gibt es eine evangelische Kirche, wo jeden Sonntag Gottesdienste gehalten werden. Leider ist das Volk in seinem Glauben sehr zerrissen, viele wissen nicht, wohin sie gehören und fühlen sich teils auch entwurzelt. Zudem können die langen Winter, die Abgeschiedenheit sowie ein fehlendes kulturelles Angebot zur Frustration und schließlich zum Alkoholismus führen. Nicht jedem kann geholfen werden, in erster Linie müssen die Menschen sich selbst helfen. Robert erzählt, die Inuit haben keine Angst zu sterben, sie haben eher Angst vor Einsamkeit. „Ich habe hier meinen Frieden und mein Glück gefunden. Aber manchmal bin ich auch traurig“, sagt er. Ich verstehe ihn.

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Icebergs in Sermilikfjord

Zwischen den Welten

Beim Gedanken an Grönland spüre ich Sehnsucht, Demut und Liebe. Ich denke an Eisberge und Eisschollen, wie sie mit ihrer weißen Farbe so friedlich auf dem Polarmeer treiben und das Gefühl von Zeitlosigkeit und Präsenz geben. Man möchte den Moment festhalten und nicht mehr loslassen.Ich habe mich oft gefragt, warum mich dieses Land so fesselt. Ein Land, wo die Winter lang und hart sind, das Wort Zukunft für viele Inuit nicht existiert und die Bevölkerung  teils um ihre Existenz kämpft.

Aber vielleicht ist es genau das, wonach sich so viele sehnen: Entschleunigung. Es gibt nichts außer die Natur und das Hier und Jetzt. Wir kommen aus einer völlig reizüberfluteten und gestressten Gesellschaft mit einem Lebensstil, der geprägt ist von einem „ungesund“ schnellen Wachstum. Wir haben alles und sind in einer gewissen Art und Weise auch zerrissen und frustriert.

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Dennoch sollte Romantik nicht mit Realität vermischt werden. Dort lebt ein Volk, deren Kultur vielleicht für immer schwindet und Jugendliche beim Anschluss an den modernen Lebensstil gravierend mit ihrer eigenen Identität und Herkunft zu kämpfen haben. In Tasiilaq gibt es kein Kino, keine Restaurants, kein Café oder andere kulturelle Einrichtungen. Zwischen Oktober und Januar wird es sehr ungemütlich und dunkel. Oft können die Einheimischen aufgrund eines sehr kalten und starken Windes vom Inlandeis kommend, Ihre Häuser nicht verlassen. „Pittarak“ nennen sie diesen. Oder auch Männerwind.

Das Schulsystem ist dem Dänischen angepasst und neun Jahre sind gemeinsam. Danach können die Jugendlichen eine weiterführende Schule in der Hauptstadt Nuuk besuchen und anschließend studieren. Wer es sich leisten kann.

Nur noch wenige Männer können Ihrer ursprünglichen Natur als Jäger nachgehen und arbeiten als Wal- oder Robbenfänger. Wird ein Tier getötet, so teilt man es sich mit den anderen Familien in der Ortschaft. Bevor die Dänen kamen, diente die Jagd als alleinige Existenzsicherung, mit der das Volk wohl nicht mehr länger überlebt hätte.

Trotz der vielen Herausforderungen sind die Inuit so unglaublich stolz auf ihr Land. Schon in seinem Buch „Kälte, Wind und Freiheit“ berichtet Robert Peroni sehr zutreffend, wie reich ein Leben trotz vieler Entbehrungen sein kann. Er beschreibt, wie in einer unwirtlichen und zugleich magischen Landschaft die Inuit ihre stärkste Waffe einsetzen: Freundlichkeit.

Für Winterliebhaber ist die Zeit zwischen Februar und April ein besonderes Abenteuer. Ob Hundeschlitten fahren, Skitouren oder auch Schneeschuhtouren- schon allein der Anblick von tanzenden Polarlichtern unter einem kristallklaren Himmel macht Grönland zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Eigentlich sollte vor einer Reise in die fantastische Arktis gewarnt werden: man wird süchtig, aber auf eine besonders schöne Art und Weise.

©Laura Schmidt

 

 

 

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